Nur nicht übers Wetter reden: No Weather Talks im Interview


No_Weather_Talks

Wir geben es ja offen zu. Wir sind große Fans von No Weather Talks aus Hamburg. Mit “Undoing Defeat” hat die Band eins der ausdrucksstärksten Punkrock-Alben des letztes Jahres veröffentlicht. Mit intelligenten Texten jenseits der ausgetrampelten Pfade und sympatischem Punkrocksound sind No Weather Talks auch live immer wieder eine kleine Überraschung. Es ist daher natürlich allerhöchste Zeit, dass wir Flicke und Jens zum Interview gebeten haben:

1. Euer Album Undoing Defeat ist seit Ende 2015 erhältlich. Seid Ihr zufrieden mit dem Feedback bisher?

Flicke: Wir waren vor allem froh endlich unser erstes Album fertig und raus zu haben. Das ist ja, mit allem drum und dran, also vom Aufnehmen bis zur Pressung mittlerweile schon ein ziemlich langwieriger Prozess. Durch den hippen Vinyl-Boom sind die Presswerke ja endlos überlastet und Mensch wartet dann, wenn alles eigentlich fertig ist, einfach nochmal gefühlte Ewigkeiten auf die tatsächlichen Platten. Das war auf jeden Fall etwas nervenaufreibend. Ansonsten haben wir uns über einige sehr nette Reviews und Interesse, sowohl von Freunden als auch von Unbekannten, gefreut. Wir haben aber auch nichts bestimmtes erwartet.

Jens: Angesichts der Tatsache, dass wir während des aktuell laufenden Deutsch-Revivals auf Englisch singen und dass auch noch mit Texten abseits von Bromance und Saufen, können wir uns über das Feedback wirklich nicht beklagen. Viel wichtiger als das Feedback zur Platte finde ich aber, dass wir selbst soweit immer noch absolut zufrieden mit dem Ergebnis sind. Irgendwas gibt’s ja aus eigener Sicht immer zu verbessern. Klar freuen wir uns natürlich über positives Feedback,gerade auch von Freunden, die vielleicht eher andere musikalische Baustellen haben. Aber solange wir selbst damit leben können, ist die Mission eigentlich bereits erfüllt. Schade finde ich bei Plattenbesprechungen aber, dass wir vor allem im deutsprachigen Raum fast immer als gute-Laune-Pop-Punk-Band wahrgenommen werden. Das zeigt, dass die Leute sich die Musik eigentlich nicht wirklich angehört haben. Vielleicht wegen der Sprachbarriere, wer weiss? Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, die Texte zu lesen, wird feststellen, dass wir mal so gar nicht in die Gute-Laune-Ecke passen – das ist nicht unsere Baustelle. Aber andererseits kriegen wir auch öfter mal Konzertanfragen, bei denen Leute uns explizit anfragen, weil sie von den Texten berührt wurden. Das ist dann schon toll und sehr motivierend.

2. Könnt Ihr uns ein bisschen was zum Entstehungsprozess der Scheibe erzählen? 

Flicke: Was die Lyrics anging, hat sich erst im Laufe der Song-Entstehung ein sehr naheliegender Roter Faden ergeben, welcher sich wohl am besten mit ‘not in love with the modern world’ zusammenfassen lässt. Ob es die ersten, in den Massenmedien Raum einnehmenden und sich immer wieder häufenden Nachrichten von angezündeten Asyl-Unterkünften waren, die endlose in D.land stattfindende Geschichtsrevision bzw. nicht-stattgefundene Entnazifizierung, oder auch einfach nur Erfahrungen in einer durchaus auch öfter sexistischen oder, genrespezifisch: engstirnigen Szene… solche Themen, Ärger und eigene Eindrücke darüber haben ungefähr dazu geführt, den Plattentitel ‘Undoing Defeat’ zu formulieren. Die Covergestaltung hat übrigens unser guter Freund Dave Williams von den kanadischen Crusades übernommen. Wer Crusades nicht kennt, der/dem sei hiermit eine dicke Empfehlung ausgesprochen.

Jens: Einen erheblichen Einfluss auf den Entstehungsprozess der LP hatte auf jeden Fall unser damals neu hinzugekommener Gitarrist Micha. Das ursprüngliche Lineup von NWT, mit dem wir das Demo und die erste Single aufgenommen hatten, ist ja recht schnell auseinander gefallen. Wir haben dann einige Umstrukturierungen und einhergehend auch erhebliche Krisen umschiffen müssen. Auf der zweiten Single „Disintegrator“ habe ich beide Gitarren alleine aufgenommen und live hat dann unser Kumpel Niklas (von The Detectors) die zweite Gitarre gespielt. Einige Zeit war uns nicht wirklich klar, ob und wie es mit dieser Band, die eigentlich zwingend eine zweite Gitarre braucht, weiter gehen konnte. Dann habe ich in einer zufälligen, nächtlichen Zusammenkunft in einer hamburger Punkrock-Klitsche Micha aquirieren können. Das kann ich im Nachinein gar nicht genug betonen, was für ein krasser Zufall das war und wie weitreichend die positiven Konsequenzen dieser Zusammenkunft sind, sowohl auf musikalischer, als auch auf persönlicher Ebene. Heute ist „der Tunker“, wie wir ihn liebevoll nennen, nicht mehr aus unserem Kreis wegzudenken.

3. Die Platte ist ja nicht nur über Gunner Records erschienen, sondern auch über No Idea Records. Wie ist es als deutsche Band auf so einem Label zu veröffentlichen?

Flicke: Ja, wir sind wohl die erste Band aus Deutschland, die auf No Idea ein ganzes Album veröffentlichen durfte. Aber da mich persönlich mit No Idea, sowie einigen Labelkollegen_innen wie z.B. den großartigen Bridge & Tunnel, als auch mit der Stadt Gainesville an sich ein paar langjährige Freundschaften verbinden und wir als Band jetzt bereits einige Male das mit NIR verwandte THE FEST bespielen konnten, war es eher eine große Freude, so offiziell in die ‘Familie’ aufgenommen zu werden, als dass wir uns etwa als ‘Entdeckung’ oder sowas gefühlt hätten.

4. Habt Ihr gemerkt, dass Ihr in der Wahrnehmung der Leute durch das US-Label internationaler geworden seid? Sprich: Bekommt Ihr Tourangebote aus verrückten Ländern oder so?

Jens: Letzten Sommer, nach der Veröffentlichung der LP, waren wir in England auf Tour. Das war schon ziemlich super. Ja, ich denke, dass der Name No Idea zumindest dort ein bisschen was geholfen hat. Es war einfach supernett und cool, weil die DIY-Indie/Punk Szene in England geradesehr aktiv und kreativ zu sein scheint. Es gibt dort viel Nachwuchs, viele Jungs – und vor allem auch viele Mädels – die echt Bock haben auf Konzerte und selber Bands machen. Ich möchte da großartige Menschen und KünstlerInnen wie Muncie Girls, Andrew Cream oder Martha nicht unerwähnt lassen. In Deutschland ist No Idea glaube ich kein dickes Ding mehr…die großen Bands gehören alle zu lange der Vergangenheit an oder sind bereits vor Jahren zur Konkurrenz abgewandert. Ich glaube nicht, dass viele der heutigen jüngeren Punkrock-Kids das Label noch wirklich verfolgen.

5. Ihr seid ja immer noch viel in Deutschland unterwegs. Was fasziniert Euch an der Szene hier?

Flicke: Da alle von uns bereits vor No Weather Talks schon jahrelang in anderen hiesigen Kombos unterwegs waren und in fast alle Ecken gucken konnten, würde wahrscheinlich niemand von uns von ‘faszinieren’ sprechen. Aber was auf jeden Fall wichtig und toll ist, ist dass es einfach fast überall aktive, kollektive und d.i.y.-mäßig veranstaltende Konzertgruppen oder -grüppchen gibt. Seien es alte Bekannte, die schon mehr als ein Jahrzehnt Subkultur auf’m Buckel haben oder aber motivierter Nachwuchs: Es lässt sich hier tatsächlich mal in einer positiven Konnotation von ‘Tradition’ sprechen, was Punk- Hardcore- und alles drumherum-Konzerte angeht. Das ist schön und etwas, das einige von uns in Hamburg und Kiel auch wieder in Form von selber-Konzerte-veranstalten versuchen, zurückzugeben.

6. Wenn Ihr die Möglichkeit hättet, einen Schritt weiterzugehen, also mit großem Label und Management und so weiter, wäre das für Euch cool oder ein No Go?

Flicke: So lange es nicht Sony ist. Ich habe keine Lust, so wie die arme Ke$ha gerade zu enden. Eine endlos sexistische Industrie.

Jens: Die Zeiten von Majorlabel-Deals, mit denen Bands dann plötzlich riesig werden sollen, nur um dann meist doch in die Bedeutungslosigkeit abzustürzen – die sind doch seit den 90ern vorbei, oder? Ich habe den Eindruck, dass sich die Musikbranche sehr „abgeflacht“ hat, was die Hirarchien angeht. Mensch kann nicht mehr so richtig unterscheiden zwischen der „bösen“ Industrie und den „guten“ Indies. Es gibt halt solche Leute und solche. Generell: Wenn ich den Eindruck habe, dass ein bestimmtes Label eine Band nur veröffentlicht, weil es dann hoffentlich in der Kasse klingelt, ist das in meinen Augen gleich ein Abtörner, für beide Seiten. Mir würden sofort mehrere solcher Labels, auch im deutschen Rahmen, einfallen. Und ich meine jetzt keine “Majorlabels”, sondern ich rede von solchen, die öffentlich gerne dick einen auf Szene machen. Da bin ich dann doch froh, dass wir so großartige, wirklich enthusiastische Zeitgenossen an der Hand haben, auf beiden Seiten des Globus. Nehmen wir mal No Idea – die Veröffentlichung einer in den USA völlig unbekannten deutschen Popelband wie uns ist natürlich auf keinen Fall eine lukrative Idee gewesen. Sie hatten aber trotzdem Bock. Und das obwohl No Idea natürlich auch ein Unternehmen ist, das kommerziell irgendwie überleben muss – sowas trotzdem zu machen, weil sie einfach Lust dazu hatten – das ist der Spirit! Um die Frage abschließend zu beantworten, wir haben keine Ambitionen, irgendwas anders zu machen.

7. Was steht 2016 für Euch so an? Ihr spielt ja unter anderem auf dem Obenuse Fest mit Labelkollegen wie Pears oder Überyou. Gibt es weitere Highlights?

Jens: Das Obenuse Fest in der Schweiz ist schon das Highlight des noch jungen Jahres, keine Frage. Da haben wir natürlich mega Bock drauf. Aber wir halten den Ball eher flach in 2016. Manche von uns haben andere Baustellen zur Zeit – Arbeit, Studium, Real-Life Kram halt. Ob da dann noch mehr nachkommt dieses Jahr, was Touren oder Konzerte angeht, ist aktuell noch nicht absehbar.

8. Schreibt Ihr an neuen Songs?

Jens: Tatsächlich sind wir gerade dabei, mit Kay Petersen, dem Bruder von unserem Drummer Jan, ein paar neue Songs aufzunehmen. Kay ist der beste Typ und sowas wie unser sechstes Bandmitglied! Er hat sich in ein hamburger Studio eingemietet und werkelt da fleissig an allerlei Projekten herum. Eines davon sind eben unsere neuen Songs, mit denen wir dann im Laufe des Jahres hoffentlich zwei Split-Singles veröffentlichen werden. Leider können wir zum jetzigen Zeitpunkt die Bombe noch nicht platzen lassen, was unsere potentiellen Split-Partner angeht. Das ist alles noch Verhandlungsmasse gerade. Lass es uns vielleicht so sagen: Es wird im Idealfall eine Split mit einer Band von hierzulande und eine mit einer internationalen.

9. Famous last words?

Flicke: Nøj.

 


 

Und jetzt nochmal zum reinhören: “Undoing Defeat” von No Weather Talks:

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