Im Interview: Stefan Jonas (Booze Cruise)


Man mag meinen, dass das Reeperbahn Festival das Hamburger Music-Event des Jahres ist. Seit ein paar Jahren gibt es allerdings eine Veranstaltung, die mit Line-Up, Liebe zum Detail und Ananas-Faktor locker dran vorbei gezogen ist.
Die Rede ist natürlich vom Booze Cruise Festival, das bereits mit Bands wie Iron Chic 13 Crowes oder Apologies, I Have None im Hafen und drumherum überzeugt hat und in diesem Jahr mit über 60 Bands zu Land und zu Wasser zurück ist.
Wir haben uns mit Veranstalter Stefan Jonas über dieses großartige Festival unterhalten.

Apologies. I Have None (Iris de Jong)

Hi Stefan, das Booze Cruise Festival kommt im Juni. Wie ist deine Stimmung?
Ich bin aufgeregt, genervt, mega euphorisch – alles gleichzeitig. Wir versuchen gerade, einzuteilen, welche Band in welchem Laden spielt. Das für 60 Bands und 10 Locations und 3 Boote, auf denen ja auch Shows stattfinden, zu planen, ist ganz schön nervenaufreibend. Ich hab total Bock auf das Festivalwochenende, aber manche Aufgaben im Vorfeld bringen mich gerade an den Rand Verzweiflung. Aber jeder, der mal Konzerte veranstaltet hat, kann das sicherlich nachempfinden.

Ihr habt euch dieses Jahr sehr vergrößert. Gibt’s dafür einen speziellen Grund?
Hm, ich würde eher sagen, dass wir immer noch sehr überschaubar groß sind. Unsere Zuschauerzahlen sind immer noch im mittleren dreistelligen Bereich, in keinen der Läden passen mehr als 300 Leute rein. Das Festival hat eine familiäre Atmosphäre, die ist uns sehr wichtig und soll auch immer erhalten bleiben. Letztes Jahr waren wir in Windeseile ausverkauft, daher versuchen wir jetzt die Zuschauerzahl ein wenig nach oben zu schrauben. Zeitgleich sind wir wahnsinnig neugierig darauf, rauszufinden, wie weit man es mit dem Festival noch treiben kann. Gar nicht mal was die Zuschauerzahlen angeht, die können meinetwegen auch so bleiben, sondern welche Bands wir noch überreden können, zu spielen, welche (Off-) Locations wir noch so im Hafen finden, mit welchen Marken wir noch kollaborieren können. Dieses Jahr kommt noch ein spannendes Shirt raus und für nächstes Jahr ist da auch schon was in Planung.

Auf welche Bandzusage bist du besonders stolz?
Das kann ich gar nicht an einer Band ausmachen. Es spielen über 60 Künstler, die ich alle mag, für die ich auch aus dem Haus gehen würde, wenn sie allein an einem verregneten Dienstagabend im November spielen würden. Aber na gut, hier ein paar Namen: Wir machen die allerallererste Europashows ever für THE LILLINGTONS und PKEW PKEW PKEW! Mega! Dann freu ich mich persönlich total auf WILD ANIMALS und FRESH, weil deren Platten bei mir zu Hause gerade rauf und runter laufen. Worauf ich stolz bin, ist, dass wir dieses Jahr rund 20 Bands dabei haben, die nicht nur aus weißen Typen bestehen. Der Anteil an Frauen auf der Bühne soll in den nächsten Jahren unbedingt noch größer werden. Eigentlich alle Bands, die bisher für 2019 stehen, haben mindestens eine Frau im Line Up.

Legst du beim Booking wert auf Exklusivität, Gebietsschutz usw?
Nein, ich hoffe darauf, dass die Leute, auch wenn ein, zwei Bands vorher in ihrer Stadt spielen, trotzdem noch zu unserem Festival kommen, weil die Summe an Bands und ein Festivalwochenende im Hamburger Hafen immer noch attraktiv genug sind.

Man kennt diese Horrormeldungen, dass Festivalveranstalter sich übernehmen. Wie groß ist dein Team und wie versuchst du dich abzusichern?
Das Festival ist ja eigentlich die jährliche Geburtstagsfeier des DOWNPOUR Fanzines. Wir, also die sechs Leute, die das Zine rausbringen, stellen auch das Festival zusammen auf die Beine. Wobei ich ehrlich gesagt das allermeiste selbst mache. Die anderen haben auch total Bock auf das Festival und opfern gern einen Teil ihrer Freizeit, um zu helfen – vom Social Media betreuen, Hotels oder Schlafplätze für Bands suchen, Tickets verschicken, das teilen wir schon irgendwie so auf, dass jeder was macht und ich nicht 24/7 allein dran arbeite.
Letztes Jahr hab ich das Festivalbooklet in vielen Nachtschichten selbst layoutet, dieses Jahr arbeiten wir da mit einer Grafikerin zusammen. Fürs Festivalwochenende haben wir einige Fotografen und Kameraleute, damit wir wieder viele Fotos und auch endlich mal Videomaterial vom Festival haben. In den letzten Jahren sind wir einfach nur grinsend und leicht angeschwippst übers Festival gelaufen und haben irgendwie vergessen, Videos zu machen, haha.

Iron Chic (Iris de Jong)

Was machst du sonst beruflich? Ist das Booze Cruise ein Fulltime-Job?
Ich hab gerade eine Eventagentur gegründet, um alles etwas professioneller aufzubauen. Über’s ganze Jahr verteilt buche ich ja auch Shows, IRON CHIC waren vorgestern hier, dazu hab ich noch eine Idee für ein anderes kleines Festival im Kopf. Das BOOZE CRUISE ist derzeit die Hauptveranstaltung – ich muss aber nach dem diesjährigen Festival mal gucken, ob ich das in Zukunft wirklich hauptberuflich machen will oder ob’s eher ein zeitintensives Hobby bleibt.

Wie hat dein Job beim Wacken deine Aufgabe beim Booze Cruise Festival beeinflusst?
Beim Wacken habe ich ja „nur“ den Marketingbereich geleitet, beim Booze Cruise hab ich ja noch viele weitere Aufgaben. Was ich am Wacken großartig finde, ist, dass die trotz der Größenordnung alles selbst machen – vom Booking übers Ticketing bis zur Sponsoringkoordination, das würde ich auch gern fürs Booze Cruise ähnlich halten. DORO muss allerdings nicht jedes Jahr bei uns spielen, hehe.

“Das Booze Cruise ist eine Art “The Fest” – nur für Deutschland”. Würdest du diese Aussage unterstreichen?
Ich bin auf jeden Fall riesiger THE FEST Fanboy und fahr da seit acht Jahren regelmäßig hin. Daher erst mal vielen Dank für den Vergleich.
Ich mag den Spirit des Fests total. Eigentlich ist es ja kein Festival sondern viel mehr ein Treffen eines großen, weit verstreuten Freundeskreises, der sich einmal im Jahr in einer Stadt zum feiern trifft. Und ein Teil von den Leuten steht halt auch mal auf der Bühne, verschwindet danach aber nicht im „Artist-Village“ sondern steht bei einer anderen Band die Songs mitsingend vor der Bühne. Da sehe ich auf jeden Fall Parallelen zwischen dem FEST und der BOOZE CRUISE. Und ja, wir sind in Deutschland, aber ähnlich wie beim Fest kommen auch bei uns rund ein Drittel der Besucher aus anderen Ländern extra angereist.

Unsere Welt ist globalisiert und Punk aus den 70ern ist tot. Was ist für dich Punk 2.0 und welche Werte lebst du?
Wenn man sich so das Line Up von Festivals wie dem Rebellion anschaut, ist Punk aus den 70ern keineswegs tot, nur spielte er für mich noch nie eine Rolle. Mein Interesse an Punk startete mit frühen Lookout! und Epitaph Bands, mit allem davor kannst du mich zu Tode langweilen.
Auch wenn Globalisierung natürlich viele Schattenseiten hat, ist es doch großartig, wie weltweit vernetzt die Punkszene momentan ist. Selbst bei uns im kleinen Rahmen: Angga, der unsere Postermotive zeichnet, wohnt in Jakarta, es spielen Bands aus Finnland, Israel, Portugal und Neuseeland. Ich spreche gerade mit einer Punkband aus Kenia über einen möglichen Auftritt auf der Booze Cruise 2019.
Diese „Ach komm, dann machen wir das halt selbst!”- Mentalität hat mich an Punk schon immer fasziniert und ist etwas, das auf jeden Fall einen Platz in meinem Alltag gefunden hat.

Was wünscht du dir für 2018?
Für’s Festival jetzt? Also, gutes Wetter wäre großartig, auch wenn alle Shows indoor stattfinden und ein Großteil der Boote auch überdacht ist, macht es mehr doch mehr Spaß im Sonnenschein von Laden zu Laden zu ziehen.
Ansonsten soll das neue JAWBREAKER Album bitte großartig werden und RADON mal auf Europatour kommen.

Wird es ein Booze Cruise 2019 geben? Wie bewirbt man sich als Band dafür?
Ja, der Termin und die ersten Bands stehen schon fest. Dazu gibt’s ab Juni die ersten Infos.
Bewerben geht ganz einfach: Entweder auf der Booze Cruise vorbeikommen und Hallo sagen oder Freunde, die mit ihrer Band bei uns spielen, vorschicken und sie fragen lassen, ob ihr spielen könnt.

 

Booze Cruise 2018

Informationen und Resttickets findet ihr auf http://www.boozecruise.de/. Wir sehen uns auf dem Boot!

Photos: Iris de Jong // http://irisdejong.nl